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DAS BROT AUS DER KRIPPE

Weihnachten variiert

 

1.

Siehe, dein König kommt zu dir

9.

ZUR  WEIHNACHT   ZU  SINGEN

2.

BETHLEHEM  IST  ÜBERALL

10.

DAS  BROT AUS DER KRIPPE

3.

BESUCH  BEI  MARIA

11

LIED  DER  FREUDE

4.

SIE  NANNTEN  IHN  JESUS

12.

SIMEON  UND  DAVID

5.

JOSEFS  TRAUM

13.

SIE WAR EINE WITWE

6.

DIE  SPINNE  IM  STALL

14.

WEIHNACHTSLIED  NACH  JOHANNES

7.

DER OCHSE UND DER ESEL VON BETHLEHEM

15.

DER  WEG  DER  WEISEN

8.

DIE  NACHT  DER  HIRTEN

16.

WEIHNACHTSLEISE

 

Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.

 

Herr, wir warten deiner,
komm, Herr, mach uns frei,
dass doch endlich weiser
unser Leben sei.
Einst kamst du, Kind im Stall,
in unsere Niedrigkeit,
und lehrtest überall
Gottes Freundlichkeit. 

Einst kamst uns nah und näher,
starbest unseren Tod,
wirst auch kommen jäher
am Tage letzter Not. 

Kommst auch jetzt, im Heute.
Wo uns Welt beengt
schenkst du uns die Weite
im Wort und Sakrament. 

Schenk uns auch Liebe, Herr,
die den Nächsten kennt,
dass jeder Leidender
uns deinen Namen nennt. 

Endlich wirst du kommen,
und am Ziel der Zeit
wird von uns genommen
alle Endlichkeit.

BETHLEHEM  IST  ÜBERALL

Wie das Kind in der Krippe, wie Maria und Josef und die Hirten auf dem Felde, so gehört eben auch der Ort Bethlehem zur Weihnachtsgeschichte. Uns ist das vertraut und ganz selbstverständlich. Aber damals, als Jesus geboren wurde, wer kannte damals schon diesen kleinen unbekannten Ort am Rande der Welt? Schon damals spielten sich die Entscheidungen der Weltgeschichte an anderen Orten ab, nur nicht in diesem fernen Erdenwinkel.

Für fromme Juden freilich, die ihre heiligen Schriften kannten, war Bethlehem so unbekannt nicht. Hier war der König David geboren worden. Eine Hinzufügung im Buch des Propheten Micha machte außerdem aus  „Beth Ephra“, der Sippe Ephras, das „Bethlehem Ephrata“, die kleine Stadt in Judäa, aus der der Messias kommen sollte (Mi 5,1; Mt 2,6).  Dies alles mag auch den Evangelisten Lukas dazu veranlasst haben, seine Geburtsgeschichte Jesu in Bethlehem spielen zu lassen. Historisch gesichert aber ist Bethlehem als Geburtsort Jesu keineswegs. Auch die Weihnachtsgeschichte, diese schöne innige Geschichte, so vertraut und so liebevoll erzählt, gibt nicht den historischen Tatbestand wieder. Das wäre für eine so großartige Geschichte auch viel zu wenig. Die Weihnachtsgeschichte will viel mehr. Sie verkündigt uns die Geburt des Erlösers, die Menschwerdung Gottes. Sie predigt das rettende Eingreifen Gottes in unsere Welt. Sie beendet unser Alleinsein. Sie dringt wie ein helles Licht in alle Dunkelheiten unseres Lebens.

Dieser unbekannte Ort Bethlehem und das Hirtenfeld vor seinen Toren, das will sagen: Gott setzt andere Maßstäbe als wir. Nicht an einem bedeutenden Ort kommt er zur Welt, nicht am Regierungssitz lässt er seine Ankunft verkündigen, sondern in eben der Stadt, die der Welt fast unbekannt ist, und bei den armen Hirten in der Dunkelheit.

Weihnachten ist also nicht nur dort, wo hinzuschauen wir gewohnt sind, auch nicht dort, wohin wir uns gerne orientieren, wo unbeschwerte Fröhlichkeit, Gesundheit und Wohlstand herrschen. Weihnachten beginnt, wo Angst und Traurigkeit wohnen, wo der Kampf um das tägliche Brot ausgefochten und oft verloren wird, wo Gleichgültigkeit und Gedankenlosigkeit das Verhältnis der Menschen zueinander bestimmen.

In Bethlehem beginnt Weihnachten, und Bethlehem ist überall mit seinem dunklen Hirtenfeld. Auch dort ist Bethlehem, wo wir uns verstecken in den dunklen Winkeln unserer Schuld und unseres Versagens. Gerade diese versteckten Winkel sucht Gott auf. Da soll es Weihnachten werden, so hell soll es werden, wie bei den Hirten auf dem Felde:    Und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie und sie fürchteten sich sehr.

Und der Engel sprach zu ihnen:

FÜRCHTET EUCH NICHT!

Dieses Licht ist durch  zwei Jahrtausende auch in unsere Zeit getragen worden. Legenden und Geschichten haben das Weihnachtsthema immer wieder variiert und weitergegeben, damit das Licht der Klarheit des Herrn bei uns nicht verlösche. Dass es auch weiterhin scheint und menschliches Leben hell macht, dazu möchten diese Texte  einen bescheidenen Beitrag leisten.

 

BESUCH  BEI  MARIA

Dies war ein glücklicher Tag für Maria: Sie war dem Zimmermann Josef versprochen worden, einem fleißigen und rechtschaffenen Mann. Reich war Josef nicht, aber er war ein tüchtiger Handwerker von bedächtiger Art. Maria war ganz sicher, dass sie an seiner Seite ein wohl bescheidenes aber gesichertes Leben führen würde. Josef stammte aus einer hoch geachteten Familie, die ihren Stammbaum bis auf den Vater Abraham zurückführte. Auch die Könige David und Salomon gehörten zu seinen Ahnen.

Maria war in der Kammer des elterlichen Hauses mit einer Näharbeit beschäftigt. Ein dankbares Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie dies alles bedachte. Worte des Königs David kamen ihr in den Sinn, Worte voll  Trost und Dank: Halte mich in deiner Hut, mein Gott,

denn bei dir bin ich geborgen.
Dem Tod wirst du mich nicht überlassen
und nicht dulden, dass dein Frommer ins Grab muss.
Du wirst mich den Weg des Lebens wissen lassen,
bei dir ist die Fülle der Freude
und ewige Wonne ist die Gabe deiner Hand.“

Maria hatte die  Näharbeit  unterbrochen. Ganz still lagen die Hände in ihrem Schoß.  Mit gesenkten Lidern, gleichsam nach innen schauend und lauschend auf Antworten des Glaubens, saß sie da.

Eine Stimme erreichte sie: „Sei gegrüßt, du von Gott gesegnete. Der Herr ist mit dir!“

Erschrecken griff nach Maria über dieses Wort. In  ihrem  Herzen  dachte  sie:    Was soll ich halten von diesem  Gruß?

Und   Gabriel,  der  Bote Gottes  sprach  zu  ihr: „Sei  ganz  ohne  Furcht,  Maria. Gott  ist dir freundlich zugewandt.  Mit  seiner  Liebe  umgibt er dich. Nun höre, was ich dir zu sagen habe:  Du wirst schwanger  werden und einen Sohn zur Welt bringen. Du sollst ihn „Jesus“ nennen. Er wird   begabt sein  mit der  Vollmacht von Gott. Man  wird ihn  als Gottes Sohn  bezeichnen. Reich und  Herrschaft des  Königs David  wird Gott ihm geben. Er wird der Herrscher sein über das heilige Volk Gottes. Sein Reich wird kein Ende haben!“                           

Maria  war  verwundert  und  erschrocken.  Sie sagte:  „Ein Kind?  Ich?  Wie  könnte  das geschehen?  Ich bin noch nie mit einem Mann zusammen gewesen! “Der Engel  aber sprach  zu  ihr: „Heiliger Geist wird dich erfüllen und Gottes Kraft wird wie ein Schatten über dir sein. Darum wird man dein Kind „heilig“ nennen und als Gottes Sohn  bezeichnen!

Später, im Haus des Zacharias, sang  Maria den Lobgesang: „ Lob und Preis singt meine Seele dem Herrn, mein Geist ist voll Freude über Gott, der mir hilft.
Seine niedrige  Magd hat er hoch geachtet und angesehen.
Menschen und Völker aller Zeiten werden mich preisen und glücklich schätzen.
Grosses hat der Allmächtige an mir getan, der Heilige.
Seine Barmherzigkeit währt durch alle Zeiten bei denen, die ihn ehrfürchten.
Er wirkt mit großer Kraft.
Hochmütige zerstreut er wie Spreu,
die Mächtigen  stürzt er von ihren Thronen und richtet die Niedrigen auf.
Er füllt die Hände der Hungrigen, aber die Reichen lässt er leer ausgehen.
Mit Barmherzigkeit denkt er an seinen Diener Israel.
So hat er es schon unseren Vätern versprochen,
Abraham und seien Nachkommen.

Sein Wort gilt in  Ewigkeit.  

 

SIE  NANNTEN  IHN  JESUS

Der Mann ging den steilen, steinigen Weg, der sich in Serpentinen den Hügel aufwärts zog. An einer Leine führte er einen Esel, der ihm mit instinktiv sicheren Schritten folgte. Auf dem Rücken des Esels saß eine junge Frau. Ihr Gesicht lag im Schatten unter einem großen  Umschlagtuch. Drei Tagereisen lagen hinter ihnen. Sie kamen aus Nazareth. Ein kaiserlicher Befehl hatte sie nach Bethlehem beordert. Hier, in der Stadt der Ahnen des Mannes, mussten sie sich für die Steuer registrieren lassen. Der Mann, der Josef hieß, war beunruhigt .Er musste seine junge Frau sicher unterbringen zur Nacht. Josefs Frau, sie hieß Maria, erwartete ihr erstes Kind. Die Zeit der Niederkunft war nahe.

Vor ihnen lag die kleine Stadt. Weiße Häuser mit flachen Dächern, wie Würfel über die Hügel gestreut, leuchteten in der Sonne. Josef war stolz darauf, diese Stadt Bethlehem seine Vaterstadt nennen zu dürfen. Im goldenen Abendlicht sah er eine kleine Schafherde, die auf den  Hügeln ihr Futter gesucht hatte. Ein junger Hirte, fast noch ein Knabe, leitete die kleine Herde in die bergenden Hürden. Josef sah dies alles und dachte an seinen Ahnherrn David. Es könnte dieser Hügel gewesen sein, wo tausend Jahre zuvor der schöne Hirtenknabe David die Schafe seines Vaters Isai zur Hürde getrieben hatte. In dieser Gegend hier, im Umland Bethlehems, hatte der tapfere Hirtenknabe den Löwen und den Bären erschlagen. Dann war da der Krieg mit den Philistern gewesen. Einer der Philister, der große und starke Goliath, versetzte die Soldaten des Königs Saul in Angst und Schrecken. Aber der tapfere David schleuderte dem Philister einen Stein an die Stirn und besiegte ihn. Später war David der König seines Volkes geworden.

Weit war es nun nicht mehr nach Bethlehem. Während Josef die letzte Wegstrecke bergan schritt, gingen seine Gedanken noch weiter zurück. Er dachte an den alten Samuel, der den Weg nach Bethlehem hinaufgegangen war. Er hatte Isai und seine Söhne zum Opfermahl geladen. Dann hatte er David zum König gesalbt.

Josefs Blick ging über die Felder von Bethlehem. Im Frühjahr trugen sie reiche Frucht. Gerste und Weizen wuchsen hier. Diese fruchtbaren Felder hatten der Stadt Bethlehem ihren Namen gegeben. Der Name Bethlehem bedeutet „Brothaus“.

Vor noch längerer Zeit hatte seine Vorfahrin Ruth sich auf diesen Feldern nach den Ähren gebückt. Aus dem fernen Moab war sie gekommen, eine junge Witwe, die ihre jüdische Schwiegermutter nicht verlassen wollte. „Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott“, hatte sie gesagt, diese treue junge Frau. Hier bei Bethlehem hatte sie die Liebe Boas gewonnen, dem die Felder gehörten. 

Während Josef so seinen Gedanken nachhing, waren sie in die Stadt gekommen. Der sonst so beschauliche Ort war erfüllt vom Lachen und Reden vieler Menschen, die sich auf den Gassen drängten. Sie alle hatte jener kaiserliche Befehl hier hergebracht. Josef erschrak. Sorgen drängten sich in sein Herz. Würden sie die Unterkunft finden, die sie so dringend benötigten? Er sah zu Maria hin, die auf dem Esel saß. Ihre Hand ruhte auf ihrem gewölbten Leib. Sie lächelten sich zu und Josefs Herz quoll über von dem Gefühl einer dankbaren Freude.

Sie kamen zur Herberge, und Josef sprach mit dem Wirt. Aber der schüttelte verneinend den Kopf. Sein Haus war überfüllt. „Aber ich habe da hinten eine Felsenhöhle für meinen Zugochsen, ein paar Schritte hügelan im Garten. Wenn ihr wollt, könnt ihr dort bleiben. Sonst ist kein Raum in der Herberge!“

So zog denn Josef mit Maria und dem Esel zur Höhle hinauf, die dem Wirt als Viehstall diente. Aus den Decken, die Maria als Sattel gedient hatten, und aus einer Lage Stroh bereitete Josef für Maria ein Lager. Dankbar legte sie sich nieder, nachdem sie ein bescheidenes Mahl aus ihrem Proviantsack zu sich genommen hatten.

Die Ruhe wollte sich nur langsam einstellen. Vom nahen Wirthaus hörte man die Frauen reden und das rauhe Lachen der Männer. Dazu viele andere Geräusche: ein Streit auf der Gasse, blökende Schafe, bellende Hunde brummende Kamele und muhende Ochsen. Es dauerte geraume Zeit, bis endlich Ruhe einkehrte. Über Bethlehem stand ein heller Sternenhimmel, von dem ein eigenartiges und verheißungsvolles Leuchten ausging.

In die Stille hinein, die sich gerade erst eingestellt hatte, erklang vom Stall her der Schrei eines neugeborenen Kindes. Maria nahm eine Windel und wickelte ihren ersten Sohn. Warm hüllte sie ihn ein in ein weiches Tuch und legte ihn dann in die Futterkrippe, die Josef mit Stroh weich ausgepolstert hatte. Während Josef bei dem Knaben wachte, hüllte sich Maria in ihren Mantel, legte sich auf ihre Decke und schlief ein. Auf ihrem erschöpften Gesicht lag ein wunderbares Leuchten.

Gegen Morgen, noch bevor der Tag richtig begonnen hatte, drängte sich eine Schar Männer heran. Es schienen harte Gesellen zu sein mit braungebrannten Gesichtern. Ihre Kleidung und der lange Stab, den jeder bei sich trug, wies sie als Hirten aus. Es war ein seltsames Bild. Da standen diese rauhen Männer und betrachteten das Kind, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend. Stockend begannen sie zu erzählen, was sie in dieser Nacht an Wunderbarem erlebt hatten.

Der alte Hirte, seine Genossen nannten ihn Vater Jona, erzählte: „Es war ganz dunkel bei uns auf dem Feld, aber das sind wir ja gewohnt. Wir hüteten in der Nacht unsere Schafe. Aber dann, auf einmal wurde es hell bei uns, ganz hell und leuchtend breitete sich ein Licht aus in unserer Dunkelheit. Ein Engel trat zu uns, ein Bote Gottes.  Da wussten wir, dass die Herrlichkeit des Herrn um uns leuchtete. Wir waren erschrocken und fürchteten uns, denn wir sind ja  Sünder. Unsere Sünde geriet in das Licht Gottes.. Aber der Engel sprach: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend!“

Vater Jona hielt einen Augenblick inne. Auf seinem Gesicht lag ein strahlendes Lächeln, das zu seinen Runzeln und dem vom Wetter  gegerbten  Zügen nicht  recht passen wollte.

Er erzählte weiter: “Plötzlich war alles um uns voll Gesang. Die Wolken sangen, die Winde sangen, die  Sterne  sangen.

Die himmlischen Heerscharen sangen Gottes Lob:

Ehre sei Gott in der Höhe
und Friede auf Erden bei den Menschen,
die guten Willens sind
auf denen Gottes Wohlgefallen ruht!“

So sangen sie alle. Als sie aber von uns gingen  – der Gesang wurde leiser  und entfernte sich.  Es schien mir, dass  sie sich zum Himmel hin erhoben, da  sagten  wir zueinander.  „Lasst uns nun nach Bethlehem gehen und die Geschichte sehen, die sich da zugetragen  hat, die  uns  der Herr hat wissen lassen!“

„Darum sind wir nun  hier.  Wir  haben  alles so vorgefunden, wie es der Engel gesagt hat!“

Dies  alles erzählte der  alte Vater Jona, und  seine  Gefährten nickten dazu. Dann kehrten die Hirten wieder um. Überall erzählten sie von dem, was sie gehört und  gesehen hatten.  Und alle, die diese Geschichte hörten, wunderten sich sehr. Maria aber saß neben  der Krippe  und schaute  auf ihr  Kind. Nichts von dem, was die Hirten berichtet hatten, würde  sie je vergessen.  In ihrem  Herzen war  sie bewegt und überdachte die Worte,  die sie aus  dem Mund.des alten Hirten gehört hatte.

Josef  trat an das Lager  neben  der  Krippe. Er sah  auf   Maria, er sah auf  das  Kind. Ein  gütiges  Lächeln lag auf seinem Antlitz. Dann beugte er sich nieder zu Maria und strich ihr behutsam über die Wangen.

„Wir  werden  nach Jerusalem gehen und  das Kind darstellen vor dem Herrn. Wir  werden die  vorgeschriebenen Opfer bringen und dem Kind seinen Namen geben!“

So  sprach  Josef in  dieser Nacht,  und so  taten sie es auch.  Vor Gott sprachen sie den Namen des Kindes aus. Sie nannten ihn Jesus.

 

JOSEFS  TRAUM

oder: Was das Kind zu sagen hat.

Die meisten Leute in Bethlehem hatten gar nicht bemerkt, dass die „Heilige Nacht“, wie sie später genannt wurde, sich überhaupt ereignet hatte. Nur ein paar Hirten waren gekommen, um das Kind zu betrachten. Sie hatten von  den Engeln erzählt, die den Frieden Gottes ausgerufen hatten über der Erde. Natürlich waren Maria und  Josef  sehr   bewegt von  allem, was die Hirten erzählt hatten.

Inzwischen  aber   war Stille  eingekehrt. Josef  saß  am Feuer vor dem  Stall, in dem  sie  Zuflucht gefunden  hatten.   Er überdachte, was er aus   den  Büchern der  Propheten  wusste über  den  Retter Israels.  Sollte  es  wirklich  sein  Sohn  sein?  Sollte er  der Retter von Sünden werden? -Die Gedanken  schwirrten ihm nur so durch den Kopf. Er war so müde nach  der    anstrengenden Reise und den Erlebnissen  dieser Nacht, dass  er sie  nicht  mehr  richtig  ordnen konnte .  Josef  schlief  am  Feuer  ein. Es  war kein  Tiefschlaf,  in  den   er  verfiel,  eher   ein  Halbschlaf, in  den  er  seine  Gedanken mitnahm.

Er  sah  Menschen  sich  der  Krippe nähern. Dann  knieten sie vor seinem  Sohn  und sprachen mit ihm:

„Wie heißt du?“ Und  das  Kind  antwortete:  „Wunderbar  heiße ich . Das  ist einer meiner Namen!“

Sie sagten:“ Das ist ein seltsamer Name! Und was bedeutet er?“

Die Antwort des Kindes: „Er bedeutet, dass ihr alle eure Vorstellungen von Gott aufgeben müsst. Ihr habt mit eurer Vorstellung von Gott immer eine große Machtfülle verbunden. Das war auch sicher richtig. Aber nun seht, wie hilflos ich bin, nicht mächtiger als andere Säuglinge. Und seht die Armut. Gott hat den Weg in die Niedrigkeit gewählt. Das ist wunderbar. Darum heiße ich so!

“Sie fragten weiter: „Hast du noch mehr Namen?“

Das Kind antwortete: „Auch „Rat“ ist mein Name. Das bedeutet, dass ihr mit all eurer Ratlosigkeit zu mir kommen könnt. Dazu musste ich in die Welt kommen, um bei euch bleiben und mit euch gehen zu können mit meinem Rat!“

„Und was ist dein Rat?“

„Lasst euch von mir abnehmen, was euch bedrückt. Ich will es auf mich nehmen!“

Erschrocken antworteten sie: „Du weißt nicht, worauf du dich einlässt. Du bist doch ein Kind. Wie solltest du unsere Schuld und all unser Versagen tragen  können. Du bist ein schwacher Säugling, wir aber sind  Sünder. Woher willst du die Kraft nehmen?“

„ Der Herr ist mein Stärke und mein Schild. Was ich tue geschieht in der Kraft des Herrn. Darum ist auch dies mein Name: Gott und Held!“

„Und was tust du mit deiner Kraft?“

„ Ich werde gegen den Bösen streiten und gegen seine Macht. In der Kraft des Herrn werde ich ihn besiegen!“

Es war ganz still geworden bei der Krippe. All die Menschen, die dort standen, gebeugt von der Last des Lebens und dem Gewicht ihrer Schuld, schienen sich ein wenig aufzurichten, so, als ob ein Stück ihrer Last schon von ihnen genommen war durch die Kraft des Kindes, in dem sie den Heiland Gottes erkannten.

Sie fragten: „Wird denn von Dauer sein, was du mit deiner Kraft erreichst?“

Und das Kind antwortete: „Es wird in Ewigkeit bestehen. Darum trage ich auch diesen Namen: Ewig Vater! Seht, ich bin zu euch gekommen, von Gott dazu bestellt, sein Reich in der Welt zu errichten. Die Ewigkeit des Vaters ragt nun in diese Welt hinein!“

Im Traum des Josef verschoben sich die Bilder ein wenig. Die Erfahrungen der heiligen Nacht und sein Traum flossen zusammen zu einem neuen Bild. Er sah die Menschen vor der Krippe knien, die das Kind anbeteten und mit ihm sprachen. Zugleich sah er die Hirten bei ihren Schafen. Und über allen die Menge der  Heerscharen des Himmels, die laut und vielstimmig das Lob Gottes und des Kindes in der Krippe sangen:

Ehre sei Gott in der Höhe
und Friede auf Erden den Menschen,
die guten Willens sind,
auf denen Gottes Wohlgefallen ruht!
Ehre sei Gott in der Höhe!
Frieden bringt der Fürst des Friedens,
der Christus,
Frieden mit Gott und den Menschen!“

Und die Menschen, voll ungestillter Sehnsucht, befragten das Kind: „Wird es so sein? Wird endlich Frieden sein in uns und um uns?“

„Ja, es wird Frieden sein“, sagte das Kind, „darum werde ich auch der Fürst des Friedens genannt!“

Und das Traumgesicht Josefs wandelte sich zu einem wunderbaren Bild. Er sah die Hirten auf dem Feld die Bären streicheln. Die Lämmer der Herde spielten mit jungen Tigern und die Löwen weideten unter dem Feigenbaum. Und über dem allen riefen immer noch die Engel den Frieden Gottes aus. Das Kind in der Krippe aber sprach:

„Ich werde euch Frieden hinterlassen.
 Meinen Frieden gebe ich euch.
Nicht wie die Welt gibt, gebe ich.
Darum sollt ihr nicht erschrecken.
In euren Herzen sollt ihr ohne Furcht sein

Als der Morgen kam, erhob sich Josef von seinem Platz am Feuer. Er überdachte noch einmal seinen Traumgesicht. In seinem Herzen aber wusste er: Es war mehr als ein Traum.

 

DIE  SPINNE  IM  STALL

Mitten in der Nacht waren die Engel bei den Hirten von Bethlehem gewesen. Sie hatten den Frieden Gottes ausgerufen über Hirten und Herde und die Geburt des Heilandes der Welt verkündet. Lobgesang und Jubel erfüllten Himmel und Erde und das Licht Gottes leuchtete in der Dunkelheit des Hirtenfeldes.Dann waren die Hirten zum Stall gegangen. Sie fanden Maria und Josef, sie fanden das Kind. Voll Ehrfurcht und Staunen hatten sie das Kind betrachtet und angebetet. Das Lob Gottes drängte sich auf ihre Lippen, als sie zur Herde zurückgingen. Sie priesen Gott um alles, was sie gehört und gesehen hatten.Im Stall zu Bethlehem aber war es still geworden. Maria lag auf ihrem Lager. In ihrem Herzen überdachte sie alles, was die Hirten von Ihrem Erleben auf dem Feld berichtet hatten. Sie war tief bewegt. Josef saß am Feuer. Er war etwas eingenickt. Nur Ochs und Esel waren wach. Wie in einer stummen Übereinkunft wärmten sie mit ihrem Atem das Kind in der Krippe.Der neue Tag begann mit einem ungewöhnlich schönen Sonnenaufgang. Wie eine Scheibe aus purem Gold schob sich die Sonne über die Berge und übergoss die Felder und Hügel um Bethlehem mit einem rotgoldenen Glanz. In den Zweigen der Büsche und Bäume erglänzten Tautropfen wie Diamanten und Rubine. Langsam erwärmte sich der Tag, und auch im Stall breitete sich Wärme aus.

Jedermann weiß, dass dort, wo Ochs und Esel sind, sich auch Fliegen einfinden. Die Wärme hatte sie lebendig gemacht. Sie schwirrten überall herum. Mit einem Palmwedel versuchte Maria die Fliegen von der Krippe fernzuhalten, aber es gelang ihr nicht. Im Gebälk über der Krippe saß eine kleine graubraune Spinne. Sie schaute auf das Jesuskind und sah auch, wie sich Maria vergeblich bemühte, die Fliegen von dem Kind zu verscheuchen. „Diese dummen Fliegen“, dachte die Spinne, „sehen sie denn nicht, dass in diesem Kind ihr Schöpfer gekommen ist?“

An einem langen Faden ließ sich die Spinne hinab. Maria wollte auch sie abwehren. Aber das Kind sah sie mit großen, sprechenden Augen an. „Lass doch die Spinne“, las sie in den Augen ihres Sohnes. So begann denn die Spinne ihr Werk.

Mit feinen silbrigen Fäden spannte sie ihr kunstvolles Netz über die ganze Krippe. Das Kind schaute aufmerksam zu. Auf seinem Gesicht lag ein Lächeln. Schließlich war es geborgen unter dem schützen Schleier des Spinnennetzes. Keiner der Fliegen gelang es noch, seine Nase zu kitzeln oder frech über seine Stirn zu laufen. Die Spinne aber ließ sich hinab zu dem Kind, gerade in seine geöffneten Hände hinein, die sich behutsam schlossen um das empfindliche Tier. Das Kind führte seine Hände an den Mund, so, als ob es der Spinnen seinen Dank zuflüstern wollte. Aber es hauchte die Spinne nur an und gab sie wieder frei. Auf ihrem graubraunen Rücken war die Spinne gezeichnet.

In der Mitte des Netzes saß jetzt die Spinne. Während Maria sie betrachtete, wurde die Zeichnung auf dem Rücken des kleinen Tieres immer deutlicher. Voll Staunen sah es Maria. „Schau, Josef“, sagte sie, „die Spinne trägt ein Kreuz!“  Erschrecken und ein banges Zittern  schwangen in ihrer Stimme mit.

 

DER OCHSE UND DER ESEL VON BETHLEHEM

Im Stall zu Bethlehem, so wird überliefert, seien auch ein Ochse und ein Esel  Zeugen der Geburt des Jesuskindes gewesen. Die Vorstellung von Ochs und Esel im Stall mag zurückgehen auf das Buch des Propheten Jesaja. Da heißt es im ersten Kapitel  Vers 3:

Ein Ochse kennt seinen Herrn
und ein Esel die Krippe seines Herrn.

Ochse und Esel werden für klüger gehalten als das Volk Israel, das den Herrn nicht wahrnimmt noch auf ihn hört.

Insgeheim waren beide belustigt, wenn Menschen einander beschimpften als dumme  Ochsen oder einfältige Esel. Was wissen  Menschen schon von Tieren und ihren Begabungen? Sie werden eben für  dumm gehalten, weil sich die Ochsen ins Joch spannen lassen um den Acker zu pflügen  oder weil Esel zu Packeseln werden, um den  Menschen auf ihre Weise das Leben zu erleichtern.

Der Ochse  stand im Stall und  erinnerte sich der heiligen  Nacht, die er zusammen  mit seinem Bruder Esel erlebt hatte. Und wie immer, wenn er an den Esel dachte, wurde er unruhig. Ohne ein Abschiedswort war er verschwunden, einfach so. Ob ihr Herr ihn verkauft hatte?  Er konnte sich keinen Reim darauf machen. Der Herbergswirt hatte den Esel abgeholt und nicht mehr zurückgebracht. „Merkwürdig“, brummte der Ochse vor sich hin, „sehr merkwürdig“.

Nun war schon eine lange Zeit vergangen seit der heiligen Nacht. Aber endlich, eines Nachmittags, kehrte der Esel in den Stall zurück. „Wo warst du so lange“, brummte der Ochse, „es war langweilig hier ohne dich, wenigstens nachts. Am Tag hatte ich ja reichlich zu tun. Ich musste all die Kornsäcke zur Mühle schleppen und die Mehlsäcke zurück, die du sonst getragen hast. Und das mit diesem schwerfälligen Ochsenkarren. Spaß hat das nicht gemacht!“

So beschwerte sich der Ochs beim Esel, aber sehr ernst hatte er es wohl nicht gemeint. „Nun erzähl schon“, sagte er „was ist passiert?“

„Ja“, sagte  der Esel, „was ist passiert? Leicht ist  es unserm Herrn sicher nicht  gefallen,  mich  für  eine so  lange  Reise  auszuleihen. Du weißt ja, was  alles  ein  Herbergsesel  zu  tun  hat.    Alle  Augenblicke  wird  man bepackt. Mal ist  es Korn  oder Mehl,  mal  sind  es Weinkrüge, die einem aufgeladen werden, oder das Gepäck der Gäste. Es nimmt  ja nie ein Ende.

Aber diesmal hatte ich einen langen Weg  vor  mir. Sie hatten  lange verhandelt um meinen Dienst. Es ging ums Geld, denn Geld  hatten die Leute nicht, um mich zu kaufen. Nur ein paar goldene Dosen  oder so  was ähnliches. Du weißt doch, die vornehmen Herren aus dem Morgenland hatten sie  dem Kind  geschenkt.  Schließlich  nahm  der  Wirt  sie  als Pfand. Der Zimmermann und seine Frau fragten nicht nach dem Wert der Dosen. Sie wollten nur mich und dann schnell weg von hier mit ihrem Kind. Ja, es ging um das Kind, um ihren kleinen Jungen, den sie Jesus nannten. Ihn und seine Mutter musste ich tragen, über Stock und Stein und durch die Wüste. Schon lange vor dem Morgengrauen ging die Reise los, und kaum mal eine Rast wurde eingelegt. Nicht, dass der Zimmermann mich geschunden hätte. So war er nicht. Er versuchte für mich genau so gut zu sorgen, wie für seine Frau und das Kind, auch wenn es schwer war, eine Wasserstelle zu finden, einen  Feigenbaum oder eine Dattelpalme. Auf eine geheimnisvolle Weise gelang es ihm immer. Ich habe oft gedacht, dass diese Familie behütet wurde, als ob ein Engel Gottes sie bewahrte!“

„Sie ist behütet worden“, sagte der Ochse, -  und der Esel: „Wie? Warum? Wie meinst du das?“

„Hier“, sagte der Ochse, „hier sind furchtbare Dinge geschehen. Soldaten des Königs kamen. Sie haben alle kleinen Jungen umgebracht, die ungefähr so alt waren wie das Jesuskind. In und um Bethlehem und auf den Bergen hörte man das Weinen und Klagen um die getöteten Kinder. Kein Trost konnte die Herzen der Eltern erreichen. Davor sind das Jesuskind und seine Eltern bewahrt worden. Aber jetzt ist der König gestorben, der den schrecklichen Befehl gab. Niemand wird dem Knaben jetzt etwas zuleide tun!“

„Jetzt verstehe ich,“ sagte der Esel, „der Zimmermann hat zu seiner Frau gesagt, dass ein Engel Gottes sie zur Rückkehr aus Ägypten aufgefordert habe. Sie sollten wieder in ihr Land ziehen. Stell dir das vor: ein Engel Gottes. Es muss ein ganz besonderes Kind sein, dieser Jesus, der in diesem Stall geboren wurde!"

„Das denke ich auch“, sagte der Ochse. „Wir sollten hier zusammenbleiben, hier in diesem Stall. Wir sollten immer daran erinnern, dass hier der Heiland geboren wurde!“

Und das haben sie denn auch getan. Bis auf den heutigen Tag sind sie als Krippenfiguren immer mit dabei und bezeugen auf ihre Weise die Geburt des Herrn, in vielen Kirchen und Wohnungen.

 

DIE  NACHT  DER  HIRTEN

Das entbehrungsreiche Leben der Hirten, das den Alltag bestimmte, war längst eingespielt zu einer Art routinierter Gleichgültigkeit. Sie hatten sich daran gewöhnt, dass sie ein Leben in Armut führen mussten, dass niemand sie sonderlich beachtete und eigentlich auch niemand mit ihnen rechnete, weder zur positiven noch zur negativen Seite. Sie zählten einfach nicht. In der Rechnung von Gewinn und Verlust spielten sie nur eine geringe Rolle. Was zählte, war die Herde, die sie zu bewachen hatten. Ihr Ertrag an Wolle und Fleisch ließ sich umrechnen in zählbare Münzen. Was bedeutete da schon ein Hirte?

Hirten waren meist rauhe Gesellen. Kampf bestimmte ihr Leben, Kampf mit Viehdieben und Berglöwen. Sie hatten die Herde zu guten Weideplätzen zu führen, zu bewachen und abends zurück zu bringen in die Hürden, die Dornen bewehrten Steinwälle, die zur Nacht relative Sicherheit boten. Am engen Eingang zu den Hürden fanden die Hirten ihren Ruheplatz. Mit ihren Leibern bildeten sie so etwas wie eine Pforte, ein Tor, das den Zugang zur Herde verwehrte.

Diese Nacht hatte begonnen, wie jede andere auch. Der alte Simon hatte die erste Wache übernommen. Während seine Gefährten auf ihren Schaffellen schliefen, stand er am Feuer, leicht aufgestützt auf seinen Hirtenstab. Er blickte nach Bethlehem hinüber. Die Stadt war belebter als sonst. Er hatte etwas gehört von einem kaiserlichen  Erlass, der scheinbar alle Welt auf die Beine brachte. Nun, bei  den Hirten  war  kein Regierungsbote gewesen. Bei ihnen war eben nichts zu holen, da es doch um eine Steuer ging. Wieder einmal wurden sie nicht mitgezählt. Nun ja, den alten Simon berührte das nicht mehr.

Vom Schlafplatz der Genossen klang ein leises Wimmern herüber, wie es einer von sich gibt, der schlechte Träume hat.  „Wird wieder der Junge sein“, dachte Simon, und schaute hinüber.  Er war es wirklich. Aus einem Traum offenbar aufgeschreckt, erhob er sich und trat ans Feuer.

„Schlecht geträumt, Benjamin?“ - „Nein Simon, eigentlich nicht. Ich weiß nicht warum, aber ich glaubte, ich müsste sofort aufstehen!“

Auch die beiden Gefährten erhoben sich von ihren Schlafplätzen und traten ans Feuer. Simon dünkte es seltsam, aber er sagte nichts. Sie neigten beide zum Jähzorn und waren unbeherrscht. Aber auch Jakob und Daniel standen nur still da, blickten ins Feuer oder schauten nach Bethlehem hinüber. Da war es inzwischen ruhig geworden auf den Gassen und die Lichter in den Häusern waren nach und nach erloschen. Nur aus der Höhle im Hof des Wirtes blinkte ein Feuer herüber. Die Felshöhle wurde als Viehstall benutz, wie Jakob wusste, ob eines der Tiere krank war?

Simon schaute mit gemischten Gefühlen auf seine Gefährten. Er sorgte sich ein wenig um Benjamin. Daniel mochte den Jungen wohl nicht besonders. Jedenfalls ließ er keine Gelegenheit aus, ihn zu hetzen, zu beschimpfen, gelegentlich gar zu schlagen. Der Junge schien auch seine Befürchtungen zu haben. Er schob sich langsam zu Simon hinüber, als wolle er bei ihm Schutz suchen.

„Eine seltsame Nacht ist das“, sagte Jakob, „mir will scheinen, dass heute alles anders ist als sonst!“

Und Daniel sagte: „Recht hast du, Jakob. Und wir stehen hier, mitten in der Nacht, als warteten wir auf ein Wunder!"

„Ein kleines Wunder ist schon geschehen“, dachte Simon, so habe ich Daniel noch nie gesehen. Er schaute zu Benjamin hin, aber der schien seine Gefährten vergessen zu haben. Mit weit aufgerissenen, staunenden Augen schaute er nach Bethlehem hinüber. Dann wandte er sich an Daniel: „Ist das vielleicht das Wunder, auf das wir warten?“  Mit ausgestrecktem Arm deutete er auf die Höhle im Hof des Wirtes. Das kleine Feuer schien zu wachsen, schien immer mehr und immer helleres Licht in die Welt zu verströmen. Und plötzlich war ihnen, als stünden sie mitten darin, mitten im Licht. Sie sahen sich diesem Licht ausgesetzt, der Herrlichkeit des Herrn, die sie umgab von allen Seiten, die ausging von jener Höhle mitten in dieser Welt, die doch nur ein Viehstall war. Im Licht Gottes wurde es ihnen zur Gewissheit: Der Herr ist ganz nahe bei uns mit seinem Heil!

Lukas hat aufgeschrieben, was die Hirten später davon erzählt haben:

Durch seien Boten ließ der Herr ihnen sagen: „Heute ist der Heiland geboren worden, der Christus. Ihr findet ihn in Bethlehem, in Davids Stadt!“  Auch vom Lobgesang der himmlischen Heerscharen erzählt Lukas:

Ehre sei Gott in der Höhe
und Friede auf Erden!

So zart und innig ist diese Geschichte von Lukas aufgeschrieben worden, dass sie immer wieder die Herzen der Menschen berührt, und niemand kann sie besser erzählen.

Aber von den Hirten ist noch zu berichten, weil nichts davon geschrieben steht. Nachdem sie im Stall das Kind gesehen hatten, erzählten sie überall von dem, was sie gehört und gesehen hatten. Aber dann gingen sie zurück zu ihren  Schafen. Mit  großer Treue taten  sie ihre Arbeit, Jahr für Jahr. Simon erreichte ein sehr  hohes Alter.     Als er nicht mehr arbeiten konnte, sorgten seine Gefährten für ihn. Sie nahmen ihn auch mit, als sie die Herde eines anderen Dienstherrn übernahmen. Der wohnte in Jerusalem.

Viele Jahre waren vergangen seit jener Nacht in Bethlehem, aber den Hirten blieb sie so gegenwärtig, als sei alles erst gestern geschehen. Benjamin war inzwischen gut vierzig Jahre alt. Er war nach Jerusalem gegangen, um seinem Herrn über die Herde zu berichten. Da hörte er einen Wanderprediger reden. Wahrscheinlich wäre gar nicht stehen geblieben, wenn dieser Mann nicht von Hirten gesprochen hätte. Er schien die Gewohnheiten und Lebensumstände der Hirten genau zu kenn. „Ich bin die Tür zu den Schafen“, sagte er, und Benjamin dachte an ihre Nächte im Feld, wenn sie mit ihren Leibern den Weg zu den Schafen versperrten für Raubtiere und Diebe.

„Ich bin der gute Hirte! Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe“, sagte er.

Das ist wahr, dachte Benjamin, wenn es darauf ankommt, setzen wir wirklich unser Leben ein für die Schafe.

Und der Mann sprach weiter: „Ich bin der gute Hirte und  kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich auch!“

Ihm war, als wäre er wieder von Licht überstrahlt, - wie damals , in der Nacht von Bethlehem. Da wusste Benjamin, dass er dem gegenüberstand, der im Höhlenstall von Bethlehem zur Welt gekommen war, dem Heiland, dem Christus. Er erkannte ihn, und er wusste: Er kennt mich auch.

Benjamin wollte mehr von ihm wissen und fragte herum. Und alles, was er erfuhr, erzählt er am abendlichen Feuer seien Gefährten: 

„ Er heißt Jesus und kommt aus Nazareth. Wunderbare Dinge werden von ihm erzählt. Er sagt, dass Gottes Reich ganz nahe bei uns ist. Er hat Kranke gesund gemacht, sogar Aussätzige. Blinden gab er das Augenlicht, Lahme können gehen, Tote hat er ins Leben gerufen und den Armen wendet er sich mit Liebe zu!“

Es war sehr still geworden am Feuer. Die Hirten hingen ihren Gedanken nach und ein großer Friede zog in ihre Herzen ein. Es war der Friede, den die himmlischen Heerscharen ausgerufen hatten bei Bethlehem über Hirten und Herde. Das Licht jener Nacht war bei ihnen und würde sie nie mehr verlassen.

 

ZUR  WEIHNACHT   ZU  SINGEN

1.

Bei Bethlehem im Felde,
die Hirten in der Nacht,
die waren bei der Herde,
die sie getreu bewacht`.
Der Himmel öffnet´ sich,
Wolken und Winde sangen,
die Botschaft ist ergangen,
die Welt ist voller Licht.
 

2. Der Engel sprach zu ihnen:
„So fürchtet euch doch nicht!
Die Freude ist erschienen,
bringt allen Völkern Licht!
Der Heiland ist geborn,
Christus, der Herr des Lebens,
ihr sucht ihn nicht vergebens,
ihr seid nicht mehr verlorn!
 
3. Das Kindlein könnt ihr finden
in einem Krippelein.
Dort liegt es in den Windeln,
kommt, geht zum Stalle ein.
Der aller Menschheit Teil,
der wird für euch bereiten,
trotz aller Widrigkeiten,
das ewigliche Heil!“
 
4. Der Engel war umgeben
von himmelischer Schar.
Ihr Lied bracht` Gottes Segen
und Wohlgefallen dar:
„Ehr sei Gott in der Höh`
und auf der Erde Frieden,
den Menschen sei beschieden
in Christus Gottes Näh`!“
 
5. So geht nun mit den Menschen
die Botschaft durch die Zeit,
dass Gottes gnädig Lenken
das Heil für uns bereit`.
Die Hirten beten an.
Wir knien an ihrer Seite,
es ist für uns bereitet
das heil`ge Gotteslamm
 
  (Melodie: Noch hinter Berges Rande…..
Christian Lahusen zum Text von
R.A. Schröder.  
Alternativ: Aus meines Herzens Grunde…..

 

DAS  BROT AUS DER KRIPPE

Gelegentlich werden auch Haustiere mit einem Stück Brot gefüttert, Pferde zum Beispiel oder Esel. Auch Jakob, der Müller und Gastwirt aus Bethlehem, gab seinem Esel ein Stück Brot, wenn er besonders viel Korn- oder Mehlsäcke getragen hatte. So war es auch heute. Selten hatten Jakob und sein Esel so hart arbeiten müssen. Überall in der Stadt wurde Mehl gebraucht. Es waren so viel Fremde da. Fast jedes Haus in Bethlehem hatte Gäste aufgenommen, meist Verwandte, die entweder hier geboren worden waren oder Landrechte besaßen. Dann mussten sie sich hier in die Steuerlisten einschreiben lassen. So wollte es ein Befehl des Kaisers Augustus im fernen Rom. Sein Landpfleger Quirinius sorgte dafür, dass der Befehl auch beachtet wurde. Aber die vielen Menschen mussten essen, und es war des Backens und Bratens kein Ende. Wie gut, dass die Felder um Bethlehem so fruchtbar waren. So hatte Jakob reichlich Korn und konnte alles liefern, was an Mehl bestellt wurde.

Schon früh am Morgen hatte Jakob seinen Esel gefüttert. Er bekam ein paar Hände voll Hafer, ein wenig Heu und auch ein Stück Brot. Aber der Esel war noch so müde vom Vortag, dass er kaum richtig fressen wollte. Mit seinen Nüstern schob er das Brotstück unter das Heu, von dem er auch nur wenig fraß. Und dann begann ein neuer, schwerer Arbeitstag. der erst am späten Abend enden sollte.

Als Jakob mit seinem Esel zum Stall kam, fand er ihn besetzt. Seine Frau hatte ihm schon gesagt, dass ein Ehepaar in seinem Stall nächtigte. In ganz Bethlehem gab es keinen anderen Platz mehr, in keiner Herberge. Die junge Frau stand kurz vor der Entbindung. Sie hatte seiner Frau Sara Leid getan. Weil aber auch ihr Haus überfüllt war von Verwandten und Freunden, hatte sie den Leuten ihren Stall angeboten.

Der müde Esel trottete zur Krippe, aus der fressen wollte. Aber Auch die Krippe war besetzt. Er schnupperte nach seinem Brot, doch alles, was er sah, war ein neugeborenes Kind, das auf dem Heu lag, säuberlich in Windeln gewickelt.

Jakob war ein wenig verlegen. Es passte ihm ganz und gar nicht, dass er diesen Leuten kein besseres Quartier geben konnte. Aber die junge Frau dankte ihm so freundlich und herzlich, dass alle Peinlichkeit verging. Sie wechselten noch ein paar Worte, nachdem Jakob zur Geburt des Kindes gratuliert hatte. Dann ging Jakob ins Haus. Nun würde wohl bald Ruhe einkehren.

Doch diese Ruhe währte nur kurze Zeit. Dann drängte sich eine Schar Männer heran. Sie trugen Schaffelle um die Schultern und lange Stäbe in den Händen, die sie als Hirten auswiesen. Dann standen diese rauhen Gestalten, an harte Arbeit und Kampf gewöhnt, fast scheu vor der Krippe. Stockend berichteten sie von den Ereignissen der Heilige Nacht, von dem Engel, der bei ihnen gewesen war und ihnen die Geburt des Erlösers verkündigt hatte, und von den Heerscharen des Himmels und ihrem Lobgesang:

 

„Ehre sei Gott in der Höhe
und Friede auf Erden!“

In Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend würden sie das Kind finden, hatte der Engel zu ihnen gesagt. Genau so war es nun erfüllt vor ihren Augen. Sie möchten das heilige Paar und den Erlöser  nun  nicht länger stören, meinten die Hirten. Sie wandten sich still  ab und  gingen. Nur einer von ihnen, der jüngste, der Markus hieß, trat an die Krippe heran und schaute in stiller Ergriffenheit auf dieses Kind,  das ihn mit großen und sprechenden Augen ansah.„Ich werde euch Milch bringen von unsere Milchschaf“, sagte er,    „jeden Tag, solange  ihr  hier  seid!“ Maria sah  ihn dankbar  an und lächelte.

So kam es, dass Markus täglich den Weg nach Bethlehem ging und der Familie im Stall einen Krug Milch brachte.   Seine sonst eher barschen Gefährten  duldeten sein Tun. So ging es nun über mehrere Wochen.

Doch dann kam ein  besonderer Tag. Als Markus  zum Stall kam, fand er die Familie im Aufbruch. „Wir müssen nach Ägypten ziehen“, sagte Josef, „Gott will es so!“ Mehr sagte er nicht, aber Markus wusste, dass  es so recht war. Er schaute  ihnen  nach, wie  sie eilig den Weg nach Süden zogen,  den Weg nach Ägypten. Dann wandte sich Markus dem Stall zu. Er schaute  in die leere  Krippe und  griff  gedankenverloren  ins Heu.

So fand er das Stück Brot, das die ganze Zeit neben dem Kind in der Krippe gelegen hatte. Markus lächelte. Er dachte: dies hat er mir hinterlassen, ein Stück Brot. Ich will es mitnehmen und bewahren als einen kostbaren Schatz, das Brot aus der Krippe.

Inzwischen waren mehr als drei Jahrzehnte vergangen. Immer noch trug Markus das Stück Brot bei sich. Manchmal war es ihm bewusst, manchmal nicht, aber er trennte sich nie davon. Sein Lebensweg hatte ihn nach Galiläa  geführt.  Markus  verdiente  seinen  Lebensunterhalt  nun  als  Fischergehilfe  am  See Tiberias,  der  auch Galiläisches Meer genannt wird. Viel Unruhe und Verwunderung hatte es vor einiger Zeit unter den Fischern gegeben. Einer der angesehensten Männer am See, der Fischer Simon, hatte sein Boot, seine Netze und seine Familie verlassen und war einem Rabbi gefolgt. Simons Gefährten Jakobus und Johannes waren auch Jünger dieses Rabbi geworden. Man erzählte verwunderliche Geschichten von ihnen. Am hellen Mittag sollen sie einen so reichen Fischzug getan haben, dass das Boot die Fische nicht fassen konnte. Das war gegen jede Berufserfahrung. Jeder Fischer weiß, dass die heiße Mittagszeit ungeeignet ist. Fische werden in der Nacht gefangen.

Aber auch heute schien wieder etwas los zu sein. Der Rabbi aus Nazareth redete zu den Menschen, die sich am See versammelt hatten. Es war eine große Menge, so an die fünftausend Menschen. Auch Markus war unter den Zuhörern. Er war eigenartig berührt von dem, was dieser Rabbi aus Nazareth sagte. Er sprach von der Liebe und vom Frieden als Gaben Gottes. Und Markus dachte plötzlich an jene Nacht in Bethlehem, in der ihnen der Engel des Herrn den Frieden Gottes verkündigt hatte in der Geburt des Erlösers. Markus tastete nach dem Beutel an seinem Gürtel, in dem er das Stück Brot aufbewahrte, das er in der Krippe gefunden hatte.

Als der Rabbi mit seinen Jüngern an das andere Ufer fuhr, lief das Volk am Ufer entlang bis zu dem Platz, an dem er mit seinen Jüngern war. Markus gehörte zu denen, die dem Rabbi am nächsten waren. Als Jesus sich nun erhob und die Menschenmenge überschaute, begegneten sich ihre Blicke. Da plötzlich wusste Markus, dass dieser Rabbi einst als Kind in der Krippe gelegen hatte. In seinem Blick lagen Liebe und grenzenloses Erbarmen mit den Menschen. Es waren die Augen, in die Markus einst geschaut hatte, als er in die Krippe sah.

Wieder sprach der Rabbi lange zu ihnen vom Reich Gottes. Als aber der Abend kam, hieß er das Volk sich lagern. Ein Junge gab ihm fünf Brotfladen und zwei Fische. Der Rabbi dankte Gott für die Gaben und ließ Brot und Fische verteilen an die vielen Menschen. Und das wunderbare Zeichen war, dass alle satt wurden.  Sogar zwölf Körbe voll übriger Brocken wurden von den Jüngern noch eingesammelt.

Markus konnte seine Gefühle und Gedanken nicht ordnen. Er war überwältigt von dem, was er erlebt hatte. Am nächsten Tag gehörte er zu denen, die dem Rabbi wieder zuhörten. Und er sprach zu ihnen: “Eure Väter habe in der Wüste Manna gegessen, aber das war noch nicht das wahre Brot vom Himmel. Gottes Brot wird der Welt das Leben geben!“

Und Markus nahm das trockene Brot aus seinem Beutel. Er wollte es Jesus reichen. Er wollte ihm sagen, woher er es hatte und seit wann er es aufbewahrte. Und der Rabbi lächelte und sah ihn an. In seinem Blick lagen Wissen und Verstehen. „Ich weiß“, sagte sein Blick, „das Brot aus der Krippe.“

Und er sprach:“ Ich bin das Brot des Lebens! Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungrig sein und wer an mich glaubt, wird keinen Durst mehr haben!“

Markus verstand. Das Brot des Lebens hatte wirklich in der Krippe gelegen. Zeichenhaft war es immer bei ihm gewesen. Und von Stund an folgte er dem Rabbi.

 

LIED  DER  FREUDE

Lasset uns singen,
fröhlich nun springen,
denn geboren ist Jesus Christ.
Von Engelchören
konnten wir hören,
welche Freude gekommen ist.
Frieden auf Erden
soll uns nun werden,
den Menschen allen
ein Wohlgefallen.
Jubelt und singet: Halleluja!
Hirten nun gehen
auf allen Wegen
hin zu der Herde.
Weihnachten werde
bei allen Menschen. Halleluja!

Gott bei den Menschen!
Wer kann`s erdenken,
was der Welt nun gegeben ist.
Freiheit und Freude
trotz allem Leide
schenkt uns unser Herr Jesus Christ.
Er kann erlösen
uns von dem Bösen,
und aus dem Tode
kann er uns holen.
Wir sollen leben.
Halleluja!
Gott ist gekommen,
hat angenommen
in einem Kinde
Menschengesinde.
Hört diese Freude.
Halleluja!

(Melodie: In dir ist Freude……)

 

 

SIMEON  UND  DAVID

Der Weg auf den Tempelberg hinauf war recht steil, keine Kleinigkeit für einen alten Mann. Manchmal seufzte der alte Simeon und verharrte ein wenig auf dem Weg. Dann ließ er seinen Blick über die Stadt schweifen und über das Land. Alte und ehrwürdige Worte drängten sich ihm auf die Lippen, Worte, die ihn  trösteten und bestärkten in seiner Hoffnung für sich und sein Volk:

„Die auf den Herrn ihre Hoffnung setzen,
die werden nicht fallen.
Sie sind fest gegründet, wie der Berg Zion,
der immer Bestand  hat
Wie die Berge um Jerusalem liegen,
so umgibt der Herr sein Volk von allen   Seiten,
schützend hält er seine Hand über die Seinen.

Simeon hatte sich niedergelassen auf einem Großen Steinbrocken, der am Wegrand lag. Schon oft hatte er hier ausgeruht, wenn er von der Unterstadt kommend den Berg Zion hinaufstieg. Dies war sein täglicher Weg in den Tempel.

Wie meistens, so traf er auch heute hier mit David zusammen. Er freute sich, als er den zwölfjährigen Jungen kommen sah. David war ein kluger und wissbegieriger Junge. So viel hatte er schon gefragt, und viel hatte Simeon ihm erzählt vom Glauben der Väter.

Nun trat der Junge zu ihm heran und grüßte ihn: „Schalom, Vater Simeon!“ „Schalom, David“, erwiderte er seinen Gruß. Simeon rückte ein wenig zur Seite, dass David sich neben ihn setzen konnte. Der Junge schaute Simeon an mit einem bittenden Blick aus seinen großen, dunklen Augen. “Erzähl mir doch vom Messias“, bat er   Simeon lächelte. Er wusste nicht, dass ein verklärtes Leuchten auf seinen Zügen lag. Simeon sprach: „Es ist lange her, mein Junge, Abraham, unser Vater, hatte nur einen Sohn, Isaak. Aber Gott hatte ihm versprochen, dass aus seiner Nachkommenschaft ein großes Volk werden sollte, unser Volk. Isaak hatte zwei Söhne, Esau und Jakob. Esaus Nachkommen sind die Edomiter. Jakob aber hatte zwölf Söhne. Von ihnen stammen die zwölf Stämme Israels!“

Simeon unterbrach seine Rede. Sein Blick ging über die Berge um Jerusalem, über die Stadt, und wieder hinauf zum Tempel. „Dies ist heiliges Land“, dachte er, „und im Tempel die Gegenwart des Allerhöchsten“. Er schaute über das Tal vor ihnen zur gegenüberliegenden Straße hinüber, die von Süden her nach Jerusalem führt. Immer waren Pilger unterwegs, auch heute, in größeren oder kleineren Gruppe. Sein Blick streifte einen Mann und eine Frau, die ein blaues Tuch umgeschlagen hatte. Offenbar trug sie ein Kind auf ihren Armen.

„Der Messias, Vater Simeon, du wolltest mir vom Messias erzählen!“ Der Junge hatte seine Hand auf Simeons Unterarm gelegt.

„Ja, gewiss, der Messias“, fuhr Simeon fort. „Als Vater Jakob seinen nahen Tod spürte, rief er seine Söhne zu sich und sprach zu ihnen. Für jeden hatte er ein besonderes Wort. Zu Juda sagte er: „Von Juda wird das Zepter nicht weichen und der Stab des Herrschers nicht von seinen Füßen, bis der Herrscher kommt, dem die Völker gehorchen!“  Dies ist das älteste Wort, das uns den Messias zusagt. Später hat der Gottesmann Nathan zum König David gesagt: “Aus deinen Nachkommen will ich ihn erwecken, spricht der Herr. Ich will sein Vater sein und er wird mein Sohn sein. Dein Stuhl soll ewiglich bestehen!“

Die Propheten unseres Volkes haben es immer wieder gesagt, dass Gott die zerfallene Hütte Davids wieder aufrichten wird. Amos und Jesaja haben es gesagt und Micha auch. Sogar als das Königreich Juda ganz unterging, haben die Propheten nicht aufgehört, den Messias zu verkündigen. Jeremia nannte ihn Davids gerechten Sohn und Ezechiel nannte den Messias einen guten Hirten!“

Wieder unterbrach Simeon seine Rede. Prüfend schaute er auf den Jungen, der ihn mit offenem Blick ansah. .Simeon lächelte ihm zu und nickte mit dem Kopf. „Ich will dir etwas sagen, David“, sagte er. „Ich habe es bisher noch zu keinem anderen Menschen gesagt, aber ich weiß ganz sicher, dass die Zeit des Messias nicht mehr fern ist!“

„Du weißt es, Vater Simeon? Du weißt es? - Sage mir, woher du es weißt, bitte!“

„Ich glaube, dass Gott selbst mir die Gewissheit schenkte. Es war im Tempel. Ich hatte, wie jeden Tag, um Heil für mein Volk gebetet. Und da - ich - ich wusste es plötzlich. Ein großer Friede zog in mein Herz ein und mit ihm die Gewissheit, dass ich mit meinen Augen den Erlöser sehen würde. Ich wusste, dass ich nicht eher sterben würde, bis dass ich den Christus des Herrn gesehen hätte!“

Es muss der Geist sein, dachte der Junge, Gottes heiliger Geist. Wie sonst kann ein Mensch zu einer solchen Gewissheit kommen? Und mit diesen Gedanken zog auch in sein Herz eine große Ruhe ein. Er legte seine Hand in Simeons Hand, scheu und verhalten, und Simeon Finger schlossen sich  um seine Jungenhand. Simeon sagte: „Es ist wohl so, wie du denkst. Gottes Geist gab mir Antwort! - Aber nun komm, es ist Zeit, in den Tempel zu gehen,  jetzt, - sofort!“

David hatte Mühe, mit dem alten Simeon Schritt zu halten. Eine ihm unbekannte Macht schien den alten Simeon die letzte Wegstrecke den Zionsberg hinauf zu ziehen. Sie betraten die Vorhalle des Tempels. Vom Hof her hörten sie den Lärm, den Geldwechsler und Händler verursachten, und dazwischen die Laute der Opfertiere, die dort zum Verkauf angeboten wurden, das Gurren der Tauben und das Meckern und Blöken der Lämmer.

Mitten in der Halle blieb Simeon stehen, wie nach innen lauschend auf eine Stimme, die nur er vernahm. Langsam drehte er sich um und sah zur Tür hin, durch die er eben gekommen war.

Auch David sah sich um. Er konnte nichts auffallendes entdecken. Es war das Bild, das der Tempel täglich bot. Durch die Tür trat offenbar eben ein Ehepaar mit einem Kind. Sie würden nach der Geburt des ersten Sohnes das vorgeschriebene Opfer bringen und den Sohn darstellen vor Gott. Der Mann trug in einem Käfig zwei Tauben als Opfer. Die Frau trug das Kind auf ihren Armen. Über Kopf und Schultern trug sie ein blaues Tuch. David sah das nur ganz nebenbei. Etwas, das anders war  als sonst, konnte er nicht entdecken. Er wandte sich wieder Simeon zu, aber der schien ihn vergessen zu haben. Mit ruhigen, sicheren Schritten ging er auf das Ehepaar mit dem Kind zu. Er streckte der Frau seine Arme entgegen, und sie reichte ihm ihr Kind, als sei es das selbstverständlichste der Welt. Und Simeon sang seinen Lobgesang:

Nun,  o Herr, entlasse deinen Diener in Frieden,
denn was du versprochen hast
ist erfüllt vor meinen Augen.
Ich habe das Heil gesehen,
den Retter, den du bereitet hast,
sichtbar vor uns und allen Völkern.
In ihm hast du ein Licht entzündet,
das den Völkern der Heiden zeigt,
wer du bist.

Ein heller Lichtschein fällt auf dein Volk Israel!“ Staunend hörte David die Worte  Simmeons. Niemals würde er den Ausdruck seiner Augen vergessen. Ihm war, als schaue Simeon über eine unsichtbare Grenze in Gottes Reich.

Auch die Eltern waren erstaunt darüber, dass dieser fremde Mann so von ihrem Kind redete. Sie waren tief bewegt.

Simeon aber hob segnend die Hände. Er sprach zu Maria, der Mutter des Kindes:  Du wirst erkennen,

dass dein Sohn für viele in Israel Tod oder Leben bedeutet,
Sturz in die Tiefe oder Auferstehung.
Er ist ein Zeichen des Allerhöchsten
der Widerspruch weckt in den Herzen vieler,
denn vor ihm können sie die geheimsten Gedanken nicht
mehr verbergen.

Auch deine Seele wird Schwert durchdringen.

David hatte nur noch Augen für das Kind in den Armen der jungen Frau. Er bemerkte nicht, dass Simeon sich abwandte und den Tempel verließ. Aber mit unwiderstehlicher Kraft breitete sich um ihn ein Leuchten aus, ein Licht, in das sein Leben eintauchte, nur von ihm angenommen und wahrgenommen, ein Licht, das ihn nie mehr verließ.

Viele Jahre später, - so könnte es gewesen sein, - hat David diese Geschichte  dem Arzt Lukas erzählt, und der hat sie aufgeschrieben in seinem Evangelium.

 

 SIE WAR EINE WITWE

Der Tag war noch jung. Das Grau des frühen Morgens lag noch über Jerusalem. Nicht einmal die Zinnen des Tempels wurden von der aufsteigenden Sonne erreicht, als die alte Frau ihr Lager verließ und sich auf den Tag vorbereitete.

Sie lebte in sehr bescheidenen Verhältnissen. Nach sieben Ehejahren war sie verwitwet. Was ihr Mann gewesen war, welchen Beruf er ausgeübt hatte, ist nicht überliefert. Vielleicht musste er eine schwere Arbeit verrichten, vielleicht starb er darum so früh. Seine Frau hat ihn um viele Jahre überlebt. Sie hieß Hanna und ihr Vater Phanuel stammte aus dem Stamm Asser. Der Name Asser bedeutet „der Beglückte“.

Der Evangelist Lukas hat mit diesen Angaben die Frau namens Hanna sehr genau und unverwechselbar beschrieben

Hanna war eine sehr fromme Frau, die auf den Erlöser, auf den Heiland des Volkes Israel wartete. Tag für Tag stellte sie sich die Verheißungen Gottes vor Augen, die das kommende Heilt verkündeten. Was sie davon wusste und erfuhr, das bezeugte sie im Tempel vor der Gemeinde. Hanna war eine Prophetin. Sie traf keine Vorhersagen wie ein Spökenkieker, der etwas zu sehen behauptet, was geschehen würde. Nein, Hanna sagte nichts vorher, sie sagte etwas „hervor“. Wie alle Propheten Israels sagte sie hervor, was Gott sie wissen ließ.

Lukas sagt von ihr: “Sie diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht!“  Der Tempel war ihr zur Heimat geworden.

Täglich sah sie auch den greisen Simeon, dem sie mit großem Respekt begegnete. Auch Simeon bezeugte ihr seine Achtung, indem er sie freundlich und ebenso respektvoll grüßte.

So war es auch an diesem Tag, und doch schien es ein besonderer Tag zu sein. Eine erwartungsvolle Spannung lag über der Tempelhalle. So mag es auch Hanna empfunden haben.

Aufmerksam sah Hanna sich um. Sie sah Simeon, den eine besondere Erregung befallen hatte. Sie sah ihn auf ein junges Paar zugehen. Die Frau trug ein Kind auf den Armen, den Sohn, der vor Gott dargestellt werden und seinen Namen erhalten sollte. Der Vater des Kindes trug einen Käfig mit ein paar Tauben. Die sollten Gott geopfert werden, wie es das jüdische Gesetzt vorschrieb. Simeon nahm der jungen Frau das Kind ab, er pries Gott mit lauter Stimme:           

„Herr, nun lässt du deinen Dienen in Frieden fahren,  wie du gesagt hast,denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen……..“

Als aber Simeon seinen Lobgesang vollendet hatte, trat auch Hanna hinzu zu derselben Stunde. Laut rief sie das Lob Gottes aus. Die Menschen in Jerusalem, die auf die Erlösung warteten, vernahmen von ihr, dass dieses Kind Jesus der Erlöser sei, der Retter Israels, den zu senden Gott verheißen hatte. Hanna sagte es hervor aus der Huld und Wahrheit Gottes.

Sie war eine Witwe, vierundachtzig Jahre alt. Ihr Name bedeutet „Huld“.

 

WEIHNACHTSLIED  NACH  JOHANNES

O du Mensch geworden Wort,
das unter uns wohnt,
hier bei uns an fremdem Ort
an dem Kreuze thront.

Wir sah’n seine Herrlichkeit,
Gott in dieser Welt.
Lieb und Trost, für uns bereit’,
hat sich uns gesellt.

Die gnadenreiche Wahrheit,
die der Vater gab,
seines   Sohnes Klarheit,
stieg zu uns herab.

Kam hier in sein Eigentum,
niemand nahm ihn auf;
dennoch, Gottes Kind ist nun,
wer sei’m  Namen glaubt.

Von sei’m Reichtum leben wir,
nehmen Gnad um Gnad.
Wahrheit ist nun bei uns hier,
was uns Christus gab.

(singbar  nach der Melodie. Abend ward, bald kommt die Nacht….)

 

 

DER  WEG  DER  WEISEN

Es war eine stattliche Karawane, die von Osten her durch die Wüste zog. Die Menschen saßen auf ihren Kamelen wie auf schwankenden Schiffen. Die Köpfe hatten sie verhüllt gegen den treibenden Sand, der die Atemwege bedrohte, wenn man unachtsam war. Schon seit Wochen waren sie unterwegs, drei offenbar vornehme und begüterte Herrn mit ihrem Gefolge.

Im Ostland hatten sie lange schon miteinander gearbeitet, nachgedacht und diskutiert. Dass drei so unterschiedliche Männer zueinander gefunden hatten, bewegte ihre Umgebung nicht mehr. Man hatte sich längst an ihren Anblick gewöhnt: hellhäutig der eine, braun der zweite und schwarz der dritte.  Nur sie selbst nahmen es nicht als Selbstverständlichkeit, wenn ihnen auch die tiefere Bedeutung noch nicht aufgegangen war.

In Susa, im Lande Persien, hatten sie sich getroffen und seither zusammen gearbeitet. Sie waren Sternkundige. Aus den Sternen versuchten sie zu lesen und  Erkenntnisse über die Zukunft  zu gewinnen. Ihr  Ansehen war groß  und ihr Rat war begehrt bei Fürsten und Königen. So verfügten sie über gute Einkünfte, die sie zu begüterten Männern gemacht hatten. Wenn sie beisammen waren, um ihre Erkenntnisse aus den Sternen zu diskutieren, ergab es sich oft, dass sie ins Verwundern gerieten über sich selbst.

Balthasar von Susa hatte seine jüngeren Gefährten eines Tages in den Gassen der Stadt getroffen. Er war erstaunt gewesen über diese beiden Männer, die in der hellen Mittagszeit über den Sternhimmel der vergangenen Nacht sprachen. Beide sagten, dass die Sterne sie nach Susa geführt hätten. Aus der Tiefe Asiens war der Mann mittleren Alters gekommen, der mit der bräunlichen Hautfarbe. Er nannte sich Melchior.  Der zweite, der Kaspar hieß, war noch recht jung. Seine schwarze Hautfarbe wies ihn als Afrikaner aus. Balthasar hatte die beiden eingeladen, bei ihm zu wohnen. Das lag nun schon einige Jahre zurück, und immer noch war es ihnen wie ein Wunder, dass sie einmütig beieinander waren. Sie hatten nicht herausgefunden, warum die Sterne sie zusammengeführt hatten.

Es war Nacht über Susa. Die drei Männer waren auf dem Dach ihres Hauses und betrachteten die Sterne. Zunächst schien es eine Nacht zu sein, wie alle anderen auch. Aber dann, ganz plötzlich, erschien ein neuer Stern am Himmel, größer und heller als alle anderen Sterne. Er stand genau in westlicher Richtung und schien sich zu bewegen. Er schien nahe, dann entfernte er sich, dann schien er wieder nahe, so als wollte er die Männer locken: Kommt, folgt mir, ich führe euch!

„Wohin?“, fragten die Weisen. Aber eine hörbare Antwort  bekamen sie nicht.  Dennoch wurde  es  ihnen  zur  Gewissheit, dass ein neuer König zur Welt gekommen war. Sofort rüsteten sie zur Reise. Sie wollten den  neugeborenen  König finden und ehren. Und nun waren sie unterwegs. Sie folgten dem Stern, der immer vor ihnen herzog. Wohin würde er sie führen?

Wenn sie zur Rast am Feuer saßen, bevor sie sich zum Schlaf niederlegten, kreisten ihre Gedanken und Gespräche immer um den neuen König. So war es auch heute. Sie lagen am Feuer vor einer Wohnhöhle, die von einem alten Mann bewohnt wurde. Er wirkte schweigsam, fremd und verschlossen, so, als ob er immer nach innen horchte, auf Stimmen, die den  Gästen unhörbar blieben. Dennoch schien er sich über seine Gäste zu freuen. Er saß bei ihnen am Feuer und hörte ihren Gesprächen zu. Geradezu begierig schien er, von dem neugeborenen König mehr zu hören und von dem Stern, der den Weisen im Ostland erschienen war.

Der Stern, schoss es ihm durch den Kopf, der Stern! Ist dieser Stern das große Licht? Wie unter einem Zwang begann er zu reden:

„Das Volk in der Finsternis sieht ein großes Licht
und über die Bewohner des Schattenlandes
leuchtet ein helles Glänzen.
Es erhebt sich lauter Jubel,
und du, Herr, schickst große Freude.
Denn uns ist ein Kind geboren,
ein Sohn ist uns gegeben.
Auf seinen Schultern liegt die Herrschaft.
Er nannte seine Namen: Wunderbar,
Rat, Gott und Held,
Ewig, Vater, Fürst des Friedens.
Seine Herrschaft ist groß auf dem Davidsthron
Frieden ohne Ende ist in seinem Königreich!

Staunend hörten die Weisen ihm zu. Er aber sprach weiter:

„Erhebe dich, werde licht, dein Licht kommt,
und über dir geht auf die Herrlichkeit des Herrn.
Finsternis liegt über der Erde,
in Dunkelheit wohnen die Völker,
aber über dir erstrahlt der Herr
und seine Herrlichkeit breitet sich über dir aus.
Völker kommen, angezogen von deinem Licht,
und Könige folgen dem Glanz,
der über dir aufgeht!“
 

Wie entrückt, wie  von  einer anderen  Wirklichkeit her, hatte  er gesprochen.  Jetzt sah er seine  Gäste an. Er sah   ihre  kostbaren  Kleider, ihren  Schmuck,  die silbernen  Schnallen  ihren  Schuhe.  Er fragte: “Seid  ihr vielleicht die Könige von  denen  der Prophet unseres  Volkes sprach, die  dem Glanz Gottes folgen, der über euch aufging,  dem  Stern? Wollt ihr ihn  für  eure Völker finden,  für die weißen, die  braunen  und  die schwarzen Menschen?“

Die Weisen waren bestürzt. Sollte dies der Grund dafür sein, dass sie zusammen geführt wurden, damals in Susa? Waren sie Stellvertreter ihrer Rassen? Sollte in ihnen vorgebildet werden, dass die Völker der Erde einst dem neugeborenen König dienen würden?

Sie fragten ihren Gastgeber: „Wer war dieser Prophet?“

Er sagte: „Jesaja  hieß er.  Er war ein Jude wie ich.  Vor langer Zeit wirkte er als Prophet Gottes in  unserem Volk.  Wir Juden warten darauf, dass sich erfüllt, was der Prophet gesagt hat!“

Balthasar sprach: „Ist es noch weit bis zum Land der Juden?“

„Nicht sehr weit,“ antwortete er, „eine Tagereise bis zur Grenze und noch einmal eine Tagereise bis zur Hauptstadt  Jerusalem. Dort wohnt unser König!

Nun hielt die Weisen nichts mehr. Sofort brachen sie auf, und nach zwei Tagen trafen sie in der Karawanserei in  Jerusalem ein. Sie begannen sich in der Stadt nach dem neugeborenen König zu erkundigen. Aber so viel sie auch fragten, niemand  wusste etwas von ihm. Sie bekamen immer die gleiche Antwort: "Herodes ist unser König. Von einem neuen König wissen wir nichts!“

So kam es, dass sie recht müde und enttäuscht in ihrer Herberge saßen, als ihnen königliche Boten gemeldet wurden.  König Herodes ließ sie für den kommenden Tag in seinen Palast laden.

Zur festgesetzten Zeit waren sie erschienen. Sehr höflich wurden sie empfangen. Dieser König schien wirklich ein kluger und interessierter Mann zu sein. Jedenfalls verstand er es, diesen Eindruck zu erwecken. Er befragte sie eingehend, wann denn dieser Stern erschienen sei, und sie gaben ihm bereitwillig Auskunft.

Der König sprach: „Es gibt da so eine alte Verheißung. Einer der Propheten unseres Volkes soll sie ausgesprochen haben. Demnach haben wir einen König aus dem Hause Davids zu erwarten, einen Retter, einen Erlöser, der von Gott kommt. Ich weiß nicht, ob etwas dran ist an dieser Geschichte, aber es könnte ja sein!“

„Und wo, König Herodes, soll dieser König Gottes zur Welt kommen?“ Kaspar hatte gefragt, drängend, fast ungestüm.

Ein wenig belustigt schien der König zu sein. Oder drückte sein Lächeln  etwas anderes aus?

Er sprach: „Ich habe meine Priester und Schriftgelehrten befragt. Sie sagen, der Retterkönig müsse in Bethlehem geboren werden. Das ist eine kleine Stadt in meinem Land. Ich rate euch, nach Bethlehem zu ziehen. Ihr müsst durch das südliche Stadttor gehen, da verläuft die Straße nach Bethlehem. Und wenn ihr dort den neugeborenen König findet, dann sagt es mir. Ich will ihn doch auch ehren und anbeten!“

Nachdem der König sie verabschiedet hatte, brachen die Weisen auf. Sie zogen durch das südliche Stadttor. Als sie aber zum Himmel aufschauten, war auch der Stern wieder da. Es war genau so, wie auf ihrem Weg bisher. Der Stern führte sie, und in die Herzen der weisen Männer aus dem Ostland zog große Freude ein.

Als sie nun Bethlehem nahe waren, stand der Stern still über einem armseligen Stall. Viel war dort nicht zu sehen: Eine Mutter, die neben einer Futterkrippe saß, in der ihr Kind lag. Etwas abseits saß ein Mann, der das Feuer bewachte. Ein Ochse war noch da und ein Esel, mehr nicht. Fürwahr, eine armselige Szenerie, aber die Weisen schienen es nicht wahrzunehmen. Sie beugten vor dem Kind ihre Knie und beteten es an. Vor der Krippe legten sie ihre Gastgeschenke nieder: Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Es war spät am Abend. Die Männer aus Susa saßen am Feuer und schauten nach Bethlehem hinüber. Da stand der helle Stern über dem Stall, dem sie so lange gefolgt waren. Sie saßen da in einer Art Wachtraum. Aus dem Stern   schien  ihnen eine Botschaft  zu leuchten, wie von einem Engel des Herrn, die ihnen zur Gewissheit wurde.

„Wir werden nicht nach Jerusalem gehen, nicht zu König Herodes“, sagte Kaspar. Und Melchior sprach:“ Nein, nicht zu diesem König. Er ist voll Arglist und Hass!“ Auch Balthasar schloss sich ihrer Meinung an: „Dieser Stern dort, dem König Herodes wird er den Weg nicht zeigen. Der ist von Neid und Zorn geblendet!“

Sie erhoben sich wie in stillem Einvernehmen. Sie brachen auf und suchten ihren Weg. Den Weg nach Jerusalem kannten sie, aber nicht den, der jetzt vor ihnen Lag. Doch in ihnen wuchs die Gewissheit, dass jeder einen neuen Weg gehen muss, der dem begegnet, den sie als neugeborenen König  angebetet hatten.

Melchior sprach: “Er ist selbst der Weg, und darum können wir unser Ziel nicht verfehlen!“

„Ja“, sagte Balthasar, „das ist die Wahrheit!  Und Kaspar sprach: “Auch wenn wir jetzt fortziehen, wird er bei uns bleiben unser Leben lang. Er ist unser Leben!“

Sie zogen durch die Nacht. Vor ihnen und hinter ihnen stand die Finsternis. Sie  aber waren voll Vertrauen auf dem Weg, den sie so wunderbar geführt wurden. Sie zogen heim in ihr Land.

 

WEIHNACHTSLEISE

1. Zu Bethlehem,  in der heiligen Nacht,
hat Marie den Sohn zur Welt gebracht.
Im Stall, wie verloren,
ward geboren
unser Heiland und unser Erretter.
Kyrieleis.
2. Aus Gott geboren ist er Gottes  Sohn
nicht geschaffen, er war immer schon
in den Ewigkeiten,
und in den Weiten
seines himmlischen Reiches beim Vater.
Kyrieleis.
3. Der Engel sprach: „Nun fürchtet euch nicht
Grosse Freude kommt mit Gottes Licht.
Denn heut ist geboren,
euch auserkoren,
Gottes Christus,
der Heiland dieser Welt.
Kyrieleis.
 
4. Heerscharen sangen unterm
Himmelszelt
Gottes Ehre überm Hirtenfeld
Frieden soll nun werden,
bei euch auf Erden,
bei den Menschen seines
Wohlgefallens.
Kyrieleis.
5. Die Hirten gingen zum Stalle ein,
fanden das Kind in dem Krippelein.
Hirten breiteten aus
von Haus zu Haus,
was sie gehört
und was sie gesehen.
Kyrieleis.
 
6. Nun knien wir vor seinem Krippelein,
bitten, er woll unser Herre sein:
Unser Leben führe
und regiere,
bis wir finden
den ewigen Frieden.
Kyrieleis.
7. Erleuchte, Herr, die ganze weite Welt
wie bei Bethlehem das Hirtenfeld.
Deine Wahrheit finde
Menschengesinde,
deine Liebe
regiere die Völker.
Kyrieleis.
 
  A M E N

Melodie: Nun bitten wir den heiligen Geist....

 

 

 

 

 

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