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DIE ADRESSE DER GEDANKEN

Meditative Texte und Gedichte

 

1. ZEIT 12. GLÜCKLICHES KIND
2. MEINE ZEIT 13. KREISELSPIEL
3. VERRINNENDE ZEIT 14. UNSERE KINDER
4. HERR, NUR DU 15. FRÜHLING
5. WIDERSTAND 16. MAI
6. GOTT 17. SCHÖNE WELT
7. APHORISMEN 18. FREUDE
8. HALLELUJA 19. JULITAG
9. FRAGE 20. LIEBE
10. GOTT IN ALLEM 21. SOMMER
11. BERGE 22. BAUEN UND BEWAHREN

 

ZEIT

 

Tage kommen,

Tage gehen,

runden sich zu Jahren.

Und was wir als Zeit gesehen

traurig oder glücklich waren,

ist doch Odem nur

und Hauch.  

 

Jahre kommen,

Jahre gehen, 

runden sich zur Lebenszeit.

Was als Leben wir empfunden,

frohe oder schwere Stunden

bringt uns näher hin zu Gott. 

 

Menschen kommen,

Menschen gehen,

Wanderer durch Zeit und Welt.

Jeder bringt mit seinen Gaben

was wir hier an Reichtum  haben.

Doch am Ende steht der Herr,

keiner mehr.

 

MEINE ZEIT

 

Herr, gehe du mit mir durch diesen Tag,

der eben beginnt.

Dann ist meine Zeit nicht unnütz vertan.

 

Lass mich wissen, Gott,

dass die Minuten meiner Stunden

und die Stunden meiner Tage,

geborgen sind in dir.

 

Lass mich daran denken,

dass meine Zeit in deinen Händen steht.

So werde ich davor bewahrt bleiben,

sie voll zu stopfen

mit Arbeit und Zerstreuung.

 

Alles wird in einem guten Verhältnis

zueinander seinen Platzz finden,

und ich werde Raum und Zeit haben,

auf deine Weisungen zu hören

 

VERRINNENDE ZEIT

 

Es ist spät geworden.

Bevor ich zu Bett gehe, wähle ich die Zeitansage.

Ich höre:

Beim nächsten Ton ist es null Uhr, einundzwanzig Minuten und zehn Sekunden.

Wie unter einem Zwang behalte ich den Hörer am Ohr:

Einzwanzig Minuten und zwanzig Sekunden,

einundzwanzig Minuten und dreißig Sekunden,

vierzig Sekunden,

fünfzig Sekunden,

null Uhr zweiundzwanzig Minuten und null Sekunden.

So also wird meine Zeit mit monotoner Stimme

aufgeteilt in  Zehnsekundentakte.

Mit jedem Takt rinnt Leben aus mir hinaus.

Die Einteilung in Kurztakte

zeigt mir, wie schnell das geht.

Ich erschrecke!

 

Herr, hilf mir,

dass ich mein Leben

nicht so zerhacken lasse.

Zeit ist doch eine Größe,

deren Wert oder Unwert

durch ihren Inhalt bestimmt wird.

Darum bitte ich dich, Herr:

Komm du in meine Zeit.

Dann wird sie kostbar sein und sinnvoll

und erfüllt –

selbst dann, wenn ich schlafen gehe

wie jetzt.

 

HERR, NUR DU

Immer du, Herr,

immer du.

Welchen Weg ich auch gehe,

wo immer ich stehe: Du,

immer wieder du, Herr, 

immer du.

 

Immer du, Herr,

immer du.

Meiner Gedanken Flüge,

meiner Sehnsucht Züge, du,

immer wieder du, Herr,

immer du

 

WIDERSTAND

Mit klugen Gedanken

versuchen sie,

mir das Bild meines Gottes zu verdunkeln,

verbreiten Nebel,,

leere Worte,

doch muß dein Bild in mir wie Sterne funkeln.

 

Sie wollen um mich ihre Denkgebäude ranken,

dennoch bleibst alleine du, mein Gott,

die Adresse der Gedanken

 

 

GOTT

 

Geist der lebendigen Wahrheit,

wahre Lebendigkeit;

 

Geist der glühenden Hoffnung,

hoffnungsvolle Glut;

 

Geist der erbarmenden Liebe,

liebendes Erbarmen;

 

Geist der beredten Stille,

stille Beredsamkeit;

 

Geist der bewahrenden Kraft,

kräftiges Bewahren;

 

Geist der heilsamen Zucht,

ziehendes Heil.

      

Geist des Vaters und des Sohnes,

GOTT !

 

 

 

APHORISMEN

 

Arbeit befriedigt

Geborgenheit hütet

Hoffnung findet

Glauben trägt

Liebe erfüllt

 

Täler durchwandern

Wege gehen

Abgründe überbrücken

Berge ersteigen

Trennungen überwinden

Ziele suchen

Erfüllung finden.

 

 

MEA CULPA

 

Sie schließt mich ein,

sie verdornt mich

sie wirft mich um.

 

Sie verengt mich

sie umklaftert mich,

sie mauert mich zu.

 

Vergeben! -

sagst du.

 

HALLELUJA

 

Herr; ich bin aufgewacht.

Ich wusste zuerst nicht, wodurch.

Da war eine Stimme.

Es dauerte einen Augenblick,

bis ich verstand.

Die Stimme eines Vogel weckte mich.

Noch scheint es Nacht zu sein.

Aber die Vögel wissen es besser.

Mit ihrem Lied grüßen sie den neuen Tag,

der mit jedem Augenblick lichter und heller

aus dem Grau der Dämmerung steigt.

Ich bin an das Fenster getreten und erlebe,

wie das strahlende Licht

von Osten her über die Dächer steigt,

über die Bäume des Gartens

und über den Nebel,

der über dem nahen Strom liegt.

Wie ein Verdurstender trinke ich all diese Schönheit,

und plötzlich weiß ich,

dass sich mir eine ewige Wahrheit erschließt.

Das Ringen zwischen Dunkelheit und Licht

wird mir zum gleichnishaften Bild.

eines Lebens aus dir, Gott.

Die Dunkelheit wehrt sich

und muss doch weichen.

 

Wenn der Schlaf ein Bild des Todes ist,

so ist auch das morgendliche Erwachen

ein Bild der Auferstehung,

und der Gesang der Vögel wird mir

zu einem vielstimmigen Halleluja.

 

FRAGE

Die Birke

vor meinem Fenster:

Ich folge mit den Augen

dem borkigen Stamm

hinauf bis zur Krone.

Darüber der Himmel.

 

Es heißt,

dass Bäume nicht

in den Himmel wachsen.

 

Wachse ich

dem Himmel entgegen

oder der Himmel mir?

 

 

GOTT IN ALLEM

Du bist im Sommerwind,   

der über die Felder weht;

im Sturm bist du,

der über die Meere geht.

 

Du bist in der Mittagsglut,

die drückend über den Häusern liegt;

im kühlen Abendhauch bist du,

der die Kronen der Bäume wiegt.

 

Du bist im Wintersonnenschein,

der im glitzernden Schnee sich spiegelt;

im klirrenden Frost bist du,

der Teiche und Seen versiegelt.

 

Du bist alles in allem,

einiger Herr;

in den Himmeln bist du

wie in Erde und Meer.

 

Du hast geredet, Herr,

dein Wort, das nicht verweht.

Du bist im Wort,

das mit uns durch die Zeiten geht.

 

BERGE

 

Es ist Anfang Mai.

Der Weg bergan führt durch tiefen Schnee

mit verharschter Kruste.

Dämmeriges Halbdunkel des Waldes umgibt uns.

Das Unterholz ist dornig.

Für uns, aus dem norddeutschen Flachland,

ist diese Wanderung auf den Lusen ein Erlebnis-

mehr noch – ein Gleichnis.

Etwa achtzig oder hundert Meter unterhalb des Gipfels

ist der Wald wie abgeschnitten.

Wir stehen plötzlich im gleißenden Sonnenlicht,

das sich millionenfach bricht

in den gefrorenen Schneekristallen.

Ganz oben, an der höchsten Stelle, steht das Gipfelkreuz.

 

Ja, Herr, du führst uns von Erfahrung zu Erfahrung.

Dies wissen wir nun:

Der Weg bergan ist steil.

Er führt durch Dunkelheit und Dornen.

Man kann versinken oder auch aufgeben

und unten oder auf der Strecke bleiben.

Aber der Weg lohnt sich. Er führt ins Licht,

unter das Kreuz deines Sohnes.

Dieses Kreuz steht am höchsten Punkt.

Weiter kann es keiner von uns bringen,

und höher hinauf geht es nicht.

Wer auch nur einen Schritt weiter geht,

schreitet schon wieder talwärts

der Finsternis entgegen.

Danke, Herr, dass wir im Licht stehen dürfen,

unter dem Kreuz, ganz oben,

auf dem Gipfel.

 

GLÜCKLICHES KIND

In blanken Wasserlachen

spiegelt sich der Himmel.

Häuser stehen Kopf

und Menschen,

bis der Wind die Fläche kräuselt

zum Zerrbild

der Welt.

 

Ein Kind setzt auf

die Wasserlache

das selbstgebaute Schiff

aus dem Stück Rinde eines Baumes,

freut sich,

dass der Wind

das Schifflein treibt

mit dem Segel aus Papier.

 

Ein Kind

erkennt das Zerrbild nicht.

 

KREISELSPIEL

Getrieben von der Peitsche

des Knaben hüpft er

auf seiner Nagelspitze

 über glatten Asphalt.

 

Die Peitsche saust,

der Kreisel springt,

wird er langsamer,

trifft ihn ein neuer Schlag.

So übt das Kind

im Spiel das Leben ein.

Wird es Peitsche 

oder wird es Kreisel sein?

  DIE MUSCHEL

Ans Ohr gedrückt

die Muschel der Südsee,

derJubel des Kindes:

Ich höre das Rauschen,

ich höre das Meer!

Was du hörst

ist das Blut,

das durch deine Adern rinnt.

Ach, du weißt noch nicht,

wie viele Stunden und Tage

des Blutes Rauschen bestimmt.

Du hörst noch das Meer,

du unbefangenes Kind.

 

 

UNSERE KINDER

 

Herr, unsere Kinder:

Wir denken an unsere Kinder,

an Ihre Zukunft und ihre Chancen.

Wir sind unruhig,

weil wir ihre Wege nicht kennen.

 

Die Verlockungen sind groß.

Werden sie die Kraft haben, zu bestehen

in einer auf Verbrauch und Genuss

ausgerichteten Umwelt?

Nimm sie in deine Obhut, Herr,

bewahre sie und segne sie.

Lasse sie Wege in ein geheiltes Leben finden mit dir.

 

Wir wollen unsere Kinder begleiten,

so weit und so gut wir es können.

Aber wir müssen sie ja auch loslassen

und freigeben für ein selbständiges und

selbst verantwortetes Leben.

 

Gib Ihnen die Kraft zur Bewährung

und uns die Freiheit zum Verzicht.

Herr, wir danken dir für unsere Kinder.

Halte deine schützende Hand über sie

und über alle Kinder dieser Welt.

 

FRÜHLING

 

Im Strauchgelände brachen

die ersten Primeln hervor,

und die Finken sangen

Lieder im Chor.

 

Unter der Berberitzenhecke

duften Veilchen im Moose.

An des Hauses Ecke

treibt schon die Rose.

 

So zeigt in linden Lüften

der Frühling sein Angesicht,

umgibt sich mit süßen Düften

und bringt Leben ans Licht.

 

MAI

An einem Fallschirm, weiß und zart,

vom Windhauch leicht getrieben,

macht ein Samenkorn die Fahrt,

bleibt auf dem Rasen liegen.

 

Senkt seinen zarten Keim hinab,

treibt Wurzeln tief und oben Grün.

Ich seh` an einem Maientag

den Löwenzahn erblühn.

 

Er blüht und leuchtet wunderbar,

wird weiß und sendet Samen aus

und schenkt mir für das nächste Jahr

sein gelbes Leuchten rund ums Haus.

 

SCHÖNE WELT

 

Herr, es grünt und blüht rund um mich her.

Aus den saftigen Wiesen

leuchtet gelber Löwenzahn

und blasslila steht das Wiesenschaumkraut.

Es ist Frühling.

Wie schön hast du die Erde gemacht,

die mit leuchtenden Farben dein Lob singt.

Lerchen steigen auf.

Sie scheinen sich zu verlieren im Blau des Himmels

mit den Wolkengebirgen, die im Westen stehen.

Alles, Herr, singt dein Lob

und preist dich als den Schöpfer.

 

Ich danke Dir für diese schöne Welt,

für die Pause, die du mir heute geschenkt hast

und dafür, dass deine Nähe spürbar ist

in den wunderbaren Werken der Schöpfung.

Ich danke dir, dass ich selbst dazugehöre,

mich als Teil deiner Schöpfung eingebunden finde

in das Werk deiner Hände.

 

Bitte, Herr, stehe uns Menschen bei,

die natürliche Welt deiner Schöpfung

zu begreifen und zu achten.

Schärfe uns die Sinne

und stärke unseren Glauben,

dass du diese Welt der Vollendung entgegen führst.

 

FREUDE

 

Herr, voll Freude ist der Tag.

Die ersten Strahlen der Sonne,

die über den Horizont blitzen;

der Gesang der Vögel,

die den jungen Tag begrüßen;

der aufsteigende Nebel in der Niederung;

die dampfenden Äcker

unter der aufsteigenden Sonne

und die Wolkengebirge am Himmel.

Menschen, die ihrer Arbeit nachgehen;

Kinder in ihren Spielen;

Alte in ihrer abgeklärten Besonnenheit;

die bunten Farben des Jahres,

vom Frühling bis zum Herbst;

der Schnee auf den Bergen

und der Rauhreif in den Zweigen der Bäume.

Dies und noch viel mehr

sind die Anlässe der Freude

jeden Tag.

 

Danke, Herr, für die Freude meiner Tage.

Erhalte mir dafür ein waches Bewusstsein.

 

JULITAG

 

        Anmutig schweben wie Falter

        bunte Wicken am Zaun entlang.

        Die Mauer ist grau vor Alter

        und lieblich der Vögel Gesang.

 

        Leicht und warm ist der Sommerwind,

        am Himmel ziehen Wolken weiß.

        Calendula, goldenes Sommerkind,

        schwankt im Winde ganz leicht.

 

        Malven blühen vor der Mauer,

        zarte Blüten im Sonnenschein.

        Dies ist kein Tag für Trauer,

        es ist ein Tag zum Fröhlichsein.

 

        Und die Kinder im Garten

        jauchzen vor Freude und Glück.

        Ich wende den Blick zu den zarten

        Falterwicken zurück.

 

LIEBE

 

Weit draußen im Watt,

am Rande des Fahrwassers,

stehen zwei junge Menschen.

Sie halten sich an den Händen

und schauen den Schiffen nach,

die seewärts fahren.

Sie sind allein da draußen.

Niemand stört sie in ihrer Zweisamkeit.

Sie sind sich selbst genug

in ihren Gedanken und Träumen.

 

Herr, ich danke dir.

Du hast Mann und Frau geschaffen,

dass sie einander helfen

ihr Leben zu bestehen.

Dazu hast du ihnen die Liebe in ihre Herzen gegeben.

Herr, Liebe ist stark

und vermag viel zu tragen.

Ich danke dir für die Kraft der Liebe.

Aber, Herr, Liebe ist auch zart

und sehr zerbrechlich.

Schenke mir darum auch

jene zarte Behutsamkeit, die nötig ist,

die Liebe nicht zu zerstören.

 

SOMMER

 

In den Bäumen

blüht

der Himmel

 

Sonnenlicht fällt

auf Schneegebirge

der Wolken

und 

 

auf dem Boden

lichten Waldes

spielende Schatten.

 

Wunderbare Welt

des Schöpfers

Im Ausschnitt

 

BAUEN UND BEWAHREN

 

Herr, sie haben einen tiefen Graben  gezogen,

mitten durchs Moor.

Da sammelt sich das Wasser

und fließt ab.

Sie haben ein Pumpwerk gebaut, damit es schneller geht.

Sie brauchen das trockene Land, sagen sie.

An anderer Stelle haben sie Tiefbrunnen gebaut.

Sie brauchen das Trinkwasser, sagen sie.

Ein Feuchtgebiet nach dem anderen vertrocknet.

Der Sonnentau ist schon gestorben,

der vor ein paar Jahren dort noch wuchs.

Dies sind nur Beispiele von vielen.

Überall beuten wir die Schöpfung aus.

 

Herr, ich habe Angst vor den Grenzüberschreitungen.

Wird die Störung des ökologischen Gleichgewichtes

nicht schließlich uns selber treffen?

Ich kann nicht beurteilen, was nötig oder überflüssig ist.

Aber ich bitte dich um Bewahrung

vor der grenzenlosen Fortschrittsgläubigkeit,

bei mir selbst zuerst

und bei denen, die Verantwortung tragen

für unsere Kranke Welt.

Gib uns die nötige Weisheit,

deine Schöpfung nicht zu zerstören.

 

Lass uns bei allem nötigen Fortschritt

nicht den Hinschritt vergessen, -

hin zu deiner Wahrheit

und zur Erfüllung deines Willens,

dass wir deine gute Schöpfung

bauen und bewahren.

 

 

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